
Diese Seiten sind Michel Houellebecq gewidmet, dessen Werk und Person mein Leben erhellen.
Für all jene,
die das Werk Michel Houellebecqs für sich entdeckt haben oder noch
entdecken werden , die Lust haben ihre Gefühle und Fragen zu teilen,
für den anonymen jungen Mann, den die Gestalt der Annabelle zum Träumen
gebracht hat, für die Dame, in Paris oder am anderen Ende der Welt,
die Lust bekommen hat, Lovecraft zu entdecken, nachdem sie Michels ihm
gewidmeten Essay gelesen hat, für all jene, die aufgewühlt, verwandelt
durch einen Roman oder ein Gedicht von Michel den Wunsch verspürt
haben, einen geliebten Menschen mit diesem Schriftsteller bekannt
zu machen.
Diese Seiten
sind für all sie und viele andere, die sich uns hoffentlich noch anschliessen
werden...
SINGLES-DASEIN 
Beiträge zu Michel Houellebecq: Eine neue Webseite mit viele Artikel in Deutsch und Französich.
Bulletin für die Mitglieder
des Vereins ist erschienen (in französischer Sprache).
Wer das Bulletin regelmäßig
beziehen möchte, kann Mitglied werden.
Preis für Nichtmitglieder: 15 F, Bestellungen an houelle@magic.fr
Er besucht die Vorbereitungskurse für
die Grandes Ecoles. Seine Großmutter stirbt 1978. 1980 erhält
er sein Diplom als Landwirtschaftsingenieur . Im gleichen Jahr heiratet
er Jacintha, die Schwester eines Studienfreundes.
Dann beginnt für ihn eine Phase
der Arbeitslosigkeit. Sein Sohn Étienne wird 1981 geboren. Er wird
geschieden.Eine Depression beschert ihm mehrere Aufenthalte in der Psychiatrie.
Seine literarische Laufbahn beginnt im
Alter von 20 Jahren; er frequentiert Poetenzirkel. 1985 begegnet er Michel
Bulteau, Leiter der Nouvelle Revue de Paris, der als erster seine
Gedichte veröffentlicht. Das ist der Beginn einer unverbrüchlichen
Freundschaft. Letzterer schlägt ihm auch die Beteiligung an
der Reihe „Collection des Infréquentables“ vor, die er im Verlag
Éditions du Rocher eingerichtet hat. So wird 1991 „Lovecraft, contre
le monde, contre la vie“ publiziert.
Er findet eine Anstellung als Sekretär
in der Verwaltung der Assemblée Nationale.
Im selben Jahr erscheint „Rester vivant, méthode“ bei Éditions de la Difference, dann im selben Verlag 1992 der erste Gedichtband „La Poursuite du bonheur“, der den Tristan Tzara Preis erhält .
Er lernt Marie-Pierre Gauthier kennen.
1994 gibt Maurice Nadeau „Extension du domaine de la lutte“ heraus, seinen ersten, mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzten Roman, durch den er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird, einen schwarzen, verzweifelten, aber gleichzeitig humorvollen Roman.
Er arbeitet für zahlreiche Zeitschriften (L´Atelier du roman, Perpendiculaires, von wo er später verbannt wird, Les Inrockuptibles). Seit 1996 publiziert Michel Houellebecq bei Flammarion, wo Raphael Sorin sein Verleger ist.
Sein zweiter Gedichtband „Le Sens du combat“
erhält den Prix de Flore 1996.
„Rester vivant“ und „La Pousuite du bonheur“
werden 1997 , zu diesem Zweck umgearbeitet, in einem Band neu herausgegeben.
1998 erhält er den Grand Prix national
des Lettres Jeunes Talents für sein Gesamtwerk.
„Interventions“, eine Sammlung von Kritiken
und Chroniken, und „Les Particules élémentaires“, sein
zweiter Roman, in mehr als 25 Sprachen übersetzt, Prix Novembre, erscheinen
gleichzeitig.
Er heiratet Marie-Pierre.
1999 bearbeitet er „Extension du domaine de la lutte“ zusammen mit Philippe Harel für eine Verfilmung, bei der letzterer Regie führt. (Kritik in französischer Sprache auf dieser Seite.)
Er veröffentlicht einen neuen Gedichtband, „Renaissance“.
Er bereitet ein Album (CD) vor, auf dem seine Gedichte, von ihm selbst aufgenommen, von Bertrand Burgalat und Jean-Claude Vannier musikalisch umgesetzt werden.
Er wohnt gegenwärtig in Irland, in der Nähe von Dublin. Er arbeitet an einem Buchprojekt über Lanzarote – Photographien und Texte - für den Herbst 2000.
Seine Bezugspunkte:
Baudelaire, „Schöne neue Welt“ und
„Eiland“ von Aldous Huxley, „American Psycho“ von Brett Easton Ellis, Kant,
Auguste Comte, „Der Zauberberg“ von Thomas Mann, , The Book of Kells und...
Pif le chien.
Die Welt des Michel Houellebecq:
Jimi Hendrix, Neil Young, Schubert, Françoise
Hardy, Leonard Cohen, Brian Wilson et les Beach Boys, David Crosby.
Rhum-gingembre, Zigaretten, Monoprix.
Einige seiner Lieblingsbücher:
- Citelle, éditions Cheyne, 1989.
- Clémence, éditions Le
Temps qu’il fait, 1999.
- La Part animale, éditions Gallimard
(Collection blanche), 1994.
- Le Rêve de Marie, éditions
Le Ttemps qu’il fait, 1995
Lydie Salvayre :
- La Compagnie des spectres, Le Seuil,
1997 (Prix Novembre).
- La Puissance des mouches, Le Seuil.
- La Vie commune, Verticales.
Philippe Vilain :
- La Dernière Année, Gallimard, 1999.
Molly Keane :
- Et la vague les emporta, La Table Ronde.
Eingang zu dem Haus in dem er gelebt hat, rue de la Convention, im 15. Pariser Arrondissement
Wie er es in „Rester vivant“ (Am
Leben bleiben) geschrieben hat: „Die Wahrheit ist skandalös. Aber
ohne sie ist alles nichts wert. Eine ehrliche und naive Sicht der Welt
ist bereits ein Meisterwerk... In dem Maße wie Sie der Wahrheit näherkommen,
nimmt Ihre Einsamkeit zu.“Michel Houellebecq ist eine Art Prophet. Er verfügt
über die seltene Fähigkeit, die Welt mit einer überdurchschnittlich
hohen Sensibilität wahrzunehmen. Und er hat ein Talent, das
ihm erlaubt, seine Wahrnehmungen an uns weiterzugeben. Das ist für
manche schwer zu akzeptieren. Sie wollen nicht, daß man ihnen von
der Welt spricht, so wie sie ist, und auch nicht vom Leiden der Menschen,
die zwischen ihren Wünschen und der Wirklichkeit zerrissen werden.
Mit einem brutalen Humor und einer poetischen
Wucht, die unsere Seelen zutiefst zu treffen vermag, ist es ihm gelungen
authentische Figuren im Herzen der heutigen Welt zum Leben zu erwecken.
Beim ersten Lesen könnte man glauben, es ginge ihm weniger um stilistisches
Bemühen als um die Reflexion über den Zustand der Welt.
Später bekommt man Lust, erneut zu
seinen Büchern zu greifen und sich bestimmten Seiten gründlicher
zu widmen... Dann merkt man recht schnell, daß sein Leben und sein
Werk ein Ganzes bilden, daß er sich ins Spiel bringt und daß,
sogar schon seit dem Essay über Lovecraft, jedes beschworene Element,
jedes Thema, in der Folge wieder aufgegriffen und in einem späteren
Buch weiterentwickelt wird. Es gibt eine Kohärenz, nicht nur innerhalb
des Werks, sondern auch zwischen den verschiedenen Produktionsprozessen.
Er begnügt sich nicht damit uns etwas vorzugaukeln. Er schafft
ein Universum und dieses Universum hat einen Sinn.
Dieser Verein, diese Internetseiten sind
in erster Linie eine Antwort auf diese Verse von Michel Houellebecq, die
ich in einer Nacht der Verzweiflung gelesen habe: : « S’il y a quelqu’un
qui m’aime, sur Terre ou dans les astres, / Il devrait maintenant me faire
un petit signe / Je sens s’accumuler les prémices d’un désastre
» (La Poursuite du bonheur). (Falls es jemanden gibt, der mich liebt,
auf Erden oder in den Sternen,/ Sollte er mir jetzt ein kleines Zeichen
geben/ Ich spüre die Anfänge einer sich anbahnenden Katastrophe
(Das Streben nach Glück)). Andere Verse, andere Bücher von ihm,
haben es mir erlaubt, seiner Sensibilität und seiner Sicht der Welt
noch näher zu kommen. Man behauptet er sei einzelgängerisch und
menschenfeindlich, verzweifelt und deprimierend. Dennoch hat er so viele
Menschen berührt, die das Bedürfnis hatten ihm ihre Anerkennung
auszudrücken, weil seine Bücher auch ein leuchtendes Mitgefühl
enthalten, weil er mit seltenem Talent das Gefühl der Fremdheit auszudrücken
vermochte, das wir vor einer Welt empfinden, die immer weniger unseren
Bestrebungen entspricht. Und auch weil er seinen ganz speziellen Humor
einzusetzen wußte, um uns in den schwärzesten Momenten zum Lächeln
zu bringen. Seine Bücher sind gleichzeitig schmerzhaft und sanft.
Oftmals helfen sie uns zu leben und zu verstehen. Die Größe
eines Werkes zeigt sich nicht nur daran, was es über die menschliche
Natur sagt, sondern auch an den Fragen, die es in uns weckt.
Seine Bücher haben Debatten, Prozesse
und Kritik ausgelöst, aber überall gibt es Menschen, die das
was er geschrieben hat, lieben. Diese Internetseiten sind für seine
Freunde und Leser, seien sie berühmt oder unbekannt.
Ein Buch kann sehr verschiedene Leser
aus sehr verschiedenen Gründen berühren. Die Gesamtheit ihrer
Reflexionen kann der Bereicherung eines Werkes dienen und auch für
den Autor nützlich sein. „ Schneiden Sie die Themen an, von denen
niemand etwas hören will. Die Welt hinter den Fassaden. Bestehen Sie
auf der Krankheit, der Agonie, der Häßlichkeit. Sprechen Sie
vom Tod und vom Vergessen. Von der Eifersucht, der Gleichgültigkeit,
der Frustration, der Lieblosigkeit. Seien Sie gemein, dann werden Sie wahr
sein.“ (Rester vivant – Am Leben bleiben) Warum warten tausende von Menschen,
denen eine Kontinuität in seinem Werk bewußt ist, ungeduldig
auf sein nächstes Buch? Warum sind wir so viele, die hoffen, daß
er „am Leben bleibt“? Versuchen wir alle gemeinsam, auf diese Fragen zu
antworten.
Die Konstruktion des Humanen: Peter Sloterdijk, Alain Finkielkraut, Michel Houellebecq
Wenn die Gentechnik das neue Jahrhundert
bestimmt, dann wollen wir alle Gentechniker sein: Peter Sloterdijk, Michel
Houellebecq und Alain Finkielkraut diskutierten in Karlsruhe die Konstruktion
des Humanen. Missverständnisse gab es und ein klein wenig Kritik auch
von VOLKER WEIDERMANN
"Was mich wundert", erklärte der französische Schriftsteller Michel Houellebecq am Mittwochabend in Karlsruhe, "ist, dass hier niemand zu registrieren scheint, dass wir das Jahr 2000 schreiben." Das sei doch eine klare Zäsur. Eine neue gemeinsame Geschichte beginne. Und das sei gut so, "denn die letzte hat mir nicht so gut gefallen". "Die letzte Geschichte", die beginnt für Houellebecq ganz am Anfang. Mit der biblischen Genesis. Als Karlsruhes Kulturreferent Michael Heck zu Beginn der Diskussion brav die Schöpfungsgeschichte verliest, lächelt der Autor milde. Warum er lächle? "Diese Selbstzufriedenheit Gottes ist doch lustig." Er jedenfalls wundere sich, wie dieser schräge Gedanke des "Alles ist gut" überhaupt aufkommen konnte. Denn: Das Gute kommt erst noch. Und: Es ist nicht mehr fern.
Das Gute ist "der neue Mensch", der gentechnisch perfektionierte und massenhaft als Klon reproduzierbare Mensch. Dass dieser in der Tat bald kommen wird, darüber waren sich die drei Herren, die unter der Leitung des Medientheoretikers Peter Weibel an diesem Abend im Karlsruher Zentrum für Kunst- und Medientechnologie diskutierten, erstaunlich einig. Nur in ihrer Begeisterung konnten die Philosophen Peter Sloterdijk und Alain Finkielkraut nicht sofort mit Houellebecq mithalten. "Ich gehöre zu denen, die Angst haben und das Klonen verbieten lassen wollen", sagte Finkielkraut. Und Sloterdijk gab immerhin zu, dass der "moralische Infantilismus der Menschheit" ein grundsätzliches Misstrauen verlange.
Wer aber darauf gehofft hatte, Sloterdijk würde an diesem Abend die angeblichen Missverständnisse und bösartigen Fehllektüren, die seiner Elmauer Rede "Regeln für den Menschenpark" gefolgt waren, klarstellen, die im vergangenen Jahr einen so ungeheuren Wirbel ausgelöst hatten, sah sich enttäuscht. Lediglich der Hinweis, dass wir uns die hysterischen Gesprächsformen der Vergangenheit angesichts der Größe der Probleme nicht leisten könnten, war ihm zu entlocken. War das Selbstkritik? Oder wer hatte da hysterische Gesprächsformen benutzt, als Sloterdijk angesichts seiner Kritiker und einem angeblich im Hintergrund intrigierendem Habermas gleich den Tod der "Kritischen Theorie" erklärt hatte? Und jetzt in der Kulturzeitschrift Lettre Habermas Intervention plötzlich die "schlichten Rechte eines Verlagskollegen" genannt hat?
Ja, ein Missverständnis. Es war in der Tat wahrscheinlich nur ein großes Missverständnis. Als er von der Möglichkeit sprach, dass "die Menschheit gattungsweit eine Umstellung vom Geburtenfatalismus zur optionalen Geburt und zur pränatalen Selektion wird vollziehen können", da hatte er davor warnen wollen, nicht es gutheißen. Als er dieselbe Stelle zwei Jahre zuvor in Basel von einem Schauspieler hatte vortragen lassen, "lachte das Publikum anhaltend an dieser Stelle", erklärte er in Lettre. Und auch an diesem Abend in Karlsruhe gab es für das Publikum bei Sloterdijks Redebeiträgen einiges zu lachen, manches zu rätseln und wenig zu erfahren. Denn Peter Sloterdijk ist ein blumiger Schwadroneur, eine philosophische Plaudertasche, ein Luftdenker, der scheinbar leichtfüßig von Begriffswolke zu Begriffswolke springt und dabei jedes Mal in einem Nebelmeer versinkt. Er widerspricht sich häufig, stellt Fragen, wo der Zuhörer Meinungen erwartet, und wenn man versucht, ihn festzulegen, heißt es: Ja, da habe ich doch Plato sprechen lassen. Oder er erklärt die eigenen Gedanken schlicht für "Humorismus".
So beruht also die einzige große Debatte, die in den deutschen Feuilletons über die Zukunft der Gentechnik geführt wurde, auf einem Missverständnis. Aber vielleicht war auch nur mit einer so unpräzisen Rede dieses Maß an Empörung und Begeisterung zu erreichen. Und deshalb muss man Peter Sloterdijk wohl dankbar sein. Denn sonst wäre die große Frage des anbrechenden neuen Jahrhunderts, ob die Naturwissenschaften den Gesellschaftswissenschaften bei dem Projekt "Neuer Mensch" endgültig den Rang ablaufen, kaum in dieser Breite debattiert worden. Folgt auf die Ideologien die Biologie? Was bleibt für die Philosophen noch zu tun? Hat ihr Denken noch Relevanz?
Peter Sloterdijk vertritt da einen ungebrochen selbstbewussten Standpunkt: "Die konstitutive Paranoia gegenüber dem Weltgeist," so war zu hören, "hat die Philosophie ermöglicht und gleichzeitig einen Denkprozess ausgelöst, der uns in der gegenwärtigen Weltminute den Zugang zu einer neuen Ebene von Elementarität, von ontologisch verbindlicher Buchstäblichkeit erlaubt." Will heißen, die Philosophie ist immerhin ein Brüderchen desjenigen Denkens (der Biotechnologie), das in diesen Tagen die vollständige Entschlüsselung des menschlichen Genoms bekannt gegeben hat.
Alle Elemente wird man nun also bald auf dem Tisch haben. Und "Elemente", heißt das nicht ursprünglich "Buchstaben"? Und wenn wir alle Buchstaben kennen, können wir Texte schreiben. Und mit Texten, da kennen wir uns aus: "In dem Moment, in dem man bei authentischen Buchstaben angekommen ist, kann man plötzlich den Text ändern." Der Text ist der Mensch. Und bei der Veränderung sollten die Philosophen unbedingt gefragt werden.
Sloterdijk beschreibt zwar das Dilemma, dass die Menschen "angesichts ihres Könnens zum Vertrauen" und "angesichts ihres Wissens zum Misstrauen verdammt" sind, doch im Zweifelsfall scheint Sloterdijk eher dem Vertrauen zuzuneigen: "Solange die Moderne die Moderne ist, werden sich die Menschen nicht davon abbringen lassen, die Optimierung weiterzuführen in einem Prozess, der nach oben offen ist." Ist das bloß Resignation? Keineswegs: Denn es gebe wohl Menschen, die diesen "applausfähigen Prozess" aufhalten wollen, doch sei das "keineswegs wünschenswert".
Da war Alain Finkielkraut ganz anderer Meinung. Er hatte an diesem Abend die Rolle des Melancholikers zu geben. Ja, ja, er kenne ja die Begeisterungen der Gegenseite: Gehen wir doch aufs Schiff hinaus! Du hast doch nur kleinbürgerlichen Schiss! Die Menschheit ist Metamorphose, nicht Natur! Ja, ja. Er fühle sich auch nicht wohl in der Rolle des Grenzziehers. Er als Kind der Aufklärung und des Fortschrittsglaubens sei dafür gar nicht geeignet. Aber die Grenze muss gezogen werden. Obwohl er wisse, dass es zwecklos sei: "Das kommt ja doch." Und es würden sich natürlich auch genügend Philosophen finden, die das akklamierten.
Michel Houellebecq ist zwar kein Philosoph. Aber bei dem Akklamieren, da wäre er gleich dabei. Der sonst aus tiefstem Herzen unglücklich wirkende Schriftsteller war an diesem Abend verblüffend gut gelaunt. Es freute ihn merklich, neben diesen so genannten Meisterdenkern, in einem überfüllten Saal des Medienzentrums noch einmal zu erläutern, dass die Thesen seines Romans "Elementarteilchen" durchaus ernst zu nehmen seien: Ja, man könne eine neue Spezies schaffen, einen neuen Menschen. Das Klonen kommt, das ist ganz klar: Erstens weil die größte Antriebskraft des Menschen die Angst vor dem Tode sei. Nur um diese Angst zu bannen, reproduziere er sich und habe er sich Götter erfunden. Das Klonen perfektioniere dieses Bannen der Angst. Und zweitens weil, wie alles, der Markt entscheiden wird. Und der Markt wird sich dafür entscheiden: "Jeder wird à la carte bestellen, was er mag." Und Houellebecq, der an diesem Abend wieder sein blassblaues Polohemd trägt, grinst, versteckt den Mund dann hinter einer Hand und sieht Peter Slotedijk erwartungsfroh an. Der rückt ein wenig ab und sagt mit leicht gerötetem Gesicht: "Ich kann jetzt nicht direkt darauf antworten."
Muss er ja auch nicht. Muss er nicht. Er hat sich da in eine Enge drängen lassen, die von Houellebecq vielleicht ja auch nur konstruiert wurde, um den Herrn mit der Bardenfrisur und dem Seehundbart ein wenig zu verunsichern. Immerhin hat ja J. Craig Venter, der selbstbewusste Verkünder der Nachricht, dass Ende des Jahres das menschliche Genom vollständig entziffert vorliegen wird, in einem Interview in der FAZ schon erklärt, dass es "mehrere hundert Jahre" dauern wird, bis man den genetischen Code auch verstehen wird, und dass "während des nächsten Jahrtausends unser Wissen nicht ausreichen wird, menschliche Gene sinnvoll zu verändern."
Doch man weiß nicht, ob morgen schon von anderen Erkenntnissen die Rede sein wird. Peter Sloterdijk erklärt uns: "Die Erkenntnis spielt sich immer auf eine Art und Weise ab, dass man sie am besten vergleichen könnte mit dem Projekt auf hoher See, wo man erst das Floß bauen sollte, mit dem man diese See befahren möchte."
Wir sehen ihn schon winken, auf seinem kleinen Floß, den Herrn Sloterdijk. Michel Houellebecq steht am Ufer und winkt zart lächelnd zurück, und Alain Finkielkraut wendet sich mürrisch ab. Gute Fahrt, Peter!
Hinweise:
Die Selbstzufriedenheit Gottes findet
Houellebecq lustig. Das Gute kommt doch erst noch! Es ist gar nicht fern!
Wenn man die Buchstaben kennt, kann man
den Text ändern. Gene sind Buchstaben, der Text ist der Mensch
taz Nr. 6134 vom 5.5.2000 Seite 13 300
Zeilen
TAZ-Bericht VOLKER WEIDERMANN
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© Contrapress media GmbH
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des taz-Verlags
Am 13. Februar 2000 hatte Michel Dellicour vom Verein der Freunde Michel Houellebecqs am Rande des Festivals Saint Amour in Alost (Belgien) Gelegenheit, das folgende Interview mit Michel Houellebecq zu führen:
I. Über Liebe und Paarbeziehung
1. Frage:
MD: In „Elementarteilchen“ schreiben Sie:
man kann „ die 50er und die beginnenden 60er Jahre unbestreitbar als ein
wahres goldenes Zeitalter der Liebesgefühle bezeichnen“ (vgl. die
Chansons von Jean Ferrat unnd Françoise Hardy in ihrer frühen
Zeit) (dt. Ausgabe S. 60). Und kurz davor (S. 60 oben): „die vorausgegangene
Generation hatte eine außergewöhnlich enge Verknüpfung
zwischen Ehe, Sexualität und Liebe hergestellt“ .
Sie sprechen also von den Paaren, die
um die 30er Jahre geboren wurden und um 1950 geheiratet haben. Ist Ihre
Sichtweise nicht etwas beschönigend? Haben nicht viele von ihnen die
oft sehr heftigen Spannungen erlebt, die Paare zerreissen? Und ihre Kinder
die Leiden, die unweigerlich mit solchen Spannungen verbunden sind?
MH: Das ist Absicht. Ich idealisiere nicht.
Ich erwähne die negativen Seiten nicht, aber ich übertreibe auch
die positiven Seiten nicht.
MD: Sind Sie durch Bekannte zu dieser
Schlußfolgerung gelangt, durch Leute, die etwas älter sind als
Sie und die Ihnen gesagt haben: „Also, ich habe in der Familie ein sehr
gutes Umfeld erlebt“?
MH: Ja, durch Bekannte.
MD: Glauben Sie, daß das tatsächlich
allgemein so war, in Frankreich und in Europa?
MH: Ja, im ganzen Westen. Und die Spannungen
... Das ist wirklich nicht beschönigt. Ich spreche von einer „außergewöhnlich
engen Verknüpfung zwischen Ehe, Sexualität und Liebe“. Das ist
eine Vorstellung, die speziell dieser Epoche eigen war, und die diese zu
verwirklichen versucht hat.
MD: Aber Sie kennen doch, zum Beispiel,
François Weyergans, den Schriftsteller ...
MH: Ja, ich weiß, daß es ihn
gibt, aber ich habe seine Bücher nie gelesen.
MD: Sie haben Franz und François
nicht gelesen?
MH: Nein.
MD: Ich glaube, daß François
Weyergans kein Einzelfall ist. Sein Vater war ein sehr ernsthafter katholischer
Schriftsteller, der zahlreiche Bücher über die Paarbeziehung
geschrieben hat, möglicherweise mit genau dieser Vorstellung von einer
christlichen, außerordentlich engen Verknüpfung zwischen Ehe,
Sexualität und Liebe. Und François Weyergans ist die Art von
Sohn, die schrecklich darunter gelitten hat. Also an einem Übermaß
an rigider Moral, im Verhältnis zum Mai 68, den Sie ja direkt
kritisieren.
Ich meine, daß manche an dem Gegenteil
sehr leiden konnten.
MH: Hmm...tja. (Lachen am Tisch). Ich
bin nicht überzeugt. Im vorliegenden Fall haben sie nicht unter der
Situation gelitten, sondern unter dem Kontrast zwischen der Situation und
dem, was ihnen möglich erschien. Die Situation selbst war nicht schmerzhaft,
aber sie war ungenügend.
MD: Im Verhältnis zum Ideal der Zeit
?
MH: Ja. Es stimmt, daß diese christlichen
Diskurse über den Vollzug der Sexualität im Rahmen der Ehe als
wechselseitige Liebesgabe ein bißchen zum Gähnen sind.
MD: Das hakt ein bißchen, nicht
wahr?
MH: Etwas beschissen (sic) ist diese Sichtweise
schon. (Lachen am Tisch). Man kann nicht sagen, daß man daran leidet,
an einem Hundeleben. An sich ist ein Hundeleben kein Leid. Das Leid in
einem Hundeleben würde darin bestehen, auf ein abenteuerliches Leben
zu hoffen. Wenn man dagegen ein abenteuerliches Leben führt, dann
leidet man direkt daran.
MD: Ich verstehe.
MH: Es stimmt, daß die fünfziger
Jahre eine langweilige und unrealistische Vorstellung von Sexualität
vertreten haben. Aber eine sympathische.
2. Frage:
MD: Im Gegensatz zu der sexuellen Freiheit
und Bindungslosigkeit, die die 68er gepredigt haben, und die Sie in den
Elementarteilchen kritisieren...
Eine junge Zwischenruferin: Nein, das
ist nicht exakt.
MD: ... oder besser, deren verheerende
Auswirkungen Sie beschreiben ... Vielleicht ist es richtiger, es
so zu sagen?
MH: Ja, wenn man will.
Ein anderer Zwischenrufer: Eher die unerwarteten
Folgen ...
MD: Vielleicht wird Ihnen meine Frage
nicht gefallen, weil Sie in keinster Weise ein Lebensberater sein
wollen, aber was könnten Sie den Jugendlichen unserer Epoche empfehlen,
denen, die zwischen 15 und 20 Jahre alt sind? Und den jungen Erwachsenen
von 20 bis 25? Was sollen sie stattdessen tun? In Elementarteilchen gibt
es eine Seite (dt. Ausgabe S. 61), wo Sie sagen, daß zu Beginn der
70er Jahre die Mädchenzeitschriften rasch entscheiden mussten, was
man den jungen Leserinnen vorschlagen, empfehlen sollte bezüglich
der Beziehungen mit Jungen. Küssen, Streicheln, petting oder deep-petting?
Sie schreiben da einige beeindruckende Absätze. Was meinen Sie, was
sie heutzutage tun sollen? Ist das eine gute Frage?
MH: (Zögern) Naja, ich weiß
nicht, äh... Sind die anderen Fragen leichter? (Lachen am Tisch).
Was kann ich den Jugendlichen und jungen Erwachsenen empfehlen? Also gut,
äh... heutzutage, ja? (erneutes Lachen am Tisch).
MD: Ja, was würden Sie sagen –ich
glaube Sie haben einen großen Sohn, wenn ich nicht indiskret bin–
wenn Sie eine große Tochter von 17 Jahren hätten, was würden
Sie ihr sagen? Obwohl sie Ihnen vermutlich nicht zuhören würde
...
MH: Was genau wäre die Frage, die
sie mir stellt?
MD: Was soll ich tun, Papa? Oder...
Eine junge Zwischenruferin: Was ist das,
die Liebe?
MH: Ich weiß nicht.
MD: Ich meine: Keuschheit? Zurückhaltung?
Möglichst lange warten? Warten bis man sich verliebt, bevor man mit
einem Jungen ins Bett geht?
MH: Aber nein, denn man ist sofort verliebt,
sehr schnell, in diesem Alter. In diesem Alter ist man immer verliebt.
Man würde die ganze Zeit Liebe machen, wenn man auf sich hören
würde. Aber das verbietet sich, die Keuschheit hat gewisse Vorteile.
(Zögern). Alles hat übrigens seine Vorteile.
MD: Selbst die Bindungslosigkeit, ...
die Sie doch in Ihrem Buch kritisieren?
MH: In gewissen Extremfällen ja.
Wenn man wirklich mit jedem beliebigen schläft, dann ist das auch
nicht schlecht. (Zögern). Das ist nicht wirklich... Ich weiß
nicht.
MD: Das ist sehr schwer zu beantworten,
oder?
MH: Ja.
MD: Das unterscheidet sich sehr stark
von einem Menschen zum anderen.
MH: Nein, nein, das unterscheidet sich
nicht von einem Menschen zum anderen. Aber alle Lösungen sind möglich.
In der Regel (Zögern)... die Regel funktioniert nicht.
MD: Welche Regel?
MH: Letzlich gibt es keine gute Lösung.
MD: Ich glaube Sie haben Recht. Aber was
für eine schwere Verantwortung haben da die Pädagogen, die Priester,
die Psychologen, die Magazine, die ihrerseits Lösungen vorschlagen,
die etwas empfehlen!
MH: Nein, es gibt nicht wirklich eine
Lösung. Das ist eine Frage ohne Lösung.
3. Frage:
MD: In einem Artikel über André
Breton schreibt Julien Gracq am 16. Februar 1996 in Le Monde: „ Die libertäre
Explosion des Mai 68, die das Leben, hier und jetzt, entsprechend
dem Gesetz des Begehrens verändern wollte, verdankt Breton sehr
viel mehr als Sartre und vor allem mehr als Aragon, die alle beide ihre
Weihen durch die erneuerte Sorbonne anstrebten.“ Und er fügt hinzu:
„ „Im Grunde war das alles Breton“, sagte Georges Pompidou einige Zeit
nach den Ereignissen zu mir.“
Hätte Breton, der die ausschliessliche
Liebe eines Mannes für eine Frau in Ehren hielt, zumindestens
in Nadja oder Arcane 17 –danach hat er in Folge seiner zweiten Eheschließung
seinen Standpunkt möglicherweise geändert- hätte er
auf die aus dem Mai 68 hervorgegangene Freizügigkeit in Liebesdingen
reagiert? Hätte er gesagt: „Meinen Vorstellungen entspricht das nicht“?
MH: Breton hätte sicherlich in jeder
Situation gesagt : „Meinen Vorstellungen entspricht das nicht“. (Lachen
am Tisch).
MD: Wirklich?
MH: Ja. Aber doch, doch, er hätte
trotzdem positiv reagiert. Letztlich hätte er zwar gesagt, daß
das ganz und gar nicht seinen Vorstellungen entspricht, aber ...
MD: ... der Wind der Freiheit des Mai
68 hätte ihm gefallen.
MH: Aber ja.
MD: Und die Parolen... „unter dem Pflaster
liegt der Strand“?
MH: Ja, das hätte ihm sehr gefallen.
Das hat einen sehr surrealistischen Aspekt. Und ausserdem hätte ihm
das Gelegenheit gegeben, von sich reden zu machen, und das hätte er
genossen, denke ich.
MD: Aber über die sexuelle Libertinage
und die traurigen Dinge, die danach kamen und von denen Sie sprechen, hätte
er vielleicht gesagt: „Also ich hatte andere Vorstellungen, ihr habt mich
falsch verstanden, schlecht gelesen“?
MH: Er hätte einen Weg gefunden,
sich aus der Affäre zu ziehen. Er war sehr schlau.
MD: Und glauben Sie, daß seine Vorschläge
mehr...
MH: Nein, nein, Breton hat niemals irgendetwas
vorgeschlagen.
MD: Dennoch misst er der starken Liebe
eines Mannes für eine Frau einen hohen Wert bei. Er sagt, daß
man auf seine andere Hälfte wartet, jeder Mann ist für eine einzige
Frau vorherbestimmt, und ich weiß nicht, ob das ein literarischer
Text ist oder...
MH: Ich denke er hätte auch der Libertinage
einen Wert abgewinnen können. Aber man sollte bei Breton nicht zuviel
Kohärenz suchen.
4. Frage:
MD: Gehen wir über zu Charles Fourier.
In Arcane 17 äußert Breton sich positiv über Charles Fourier
(1772 – 1837). Er lobt seine Kühnheit, seine ungewöhnliche Großzügigkeit,
seine Frische, den Bezug seines Werkes zu den grundlegenden Wünschen
und Ängsten der Menschheit. Er spricht von einer Sprache des Herzens
und der Sinne. Er erinnert daran, daß Fourier im gleichen Maße
wie die Seele „das Fleisch heiligen“ wollte und das irdische Heil durch
die Frau erträumte.
In einem Artikel für Les Inrockuptibles
untersuchen Sie Fouriers Werk Le Nouveau Monde amoureux (das vor einem
Jahr bei Stock neu aufgelegt wurde). Für Sade , sagen Sie, ist
die Lust des anderen eher störend, während das Leid des anderen
ihn in eine köstliche Erregung stürzt.
MH: Ja...
MD: Ich glaube, Sie haben absolut recht.
Für Fourier dagegen, fügen Sie hinzu, steigern sich die Freuden,
die man nimmt, und die man gibt, in harmonischer Weise. Die zärtlichen
Gefühle erleichtern die Sexualität, die sie ihrerseits in extremem
Maße steigert. Fourier sagt, der habe die Gesetzmäßigkeiten
der „Anziehung durch Leidenschaft“ entdeckt, und sein Plan ist, die Prinzipien
der newtonschen Physik auf das gesellschaftliche und industrielle Leben
sowie auf das Liebesleben anzuwenden.
Sie erinnern daran, daß er
keineswegs alleine dasteht: unmittelbar nach der Revolution gab es eine
Fülle von Denkern und Gesellschaftsreformern, oftmals wissenschaftlich
oder autodidaktisch geschult, die das Leben in der Gesellschaft und die
individuelle Existenz verbessern wollten. Sie zitieren Pierre Leroux, Auguste
Comte, den sie sehr schätzen, und Claude-Henri de Saint-Simon.
Sie schreiben, daß es möglicherweise
Zeit ist, sich von neuem für diese sonderbaren Denker zu interessieren!
Meinen Sie, daß man auf Fourier
zurückgreifen könnte? Was halten Sie von seiner Theorie der Leidenschaften
( nicht beschränken, nicht unterdrücken, sondern nutzen, lenken,
entwickeln in „harmonischen Aufschwüngen“)? Und von seiner Theorie
der Liebe (Freiheit der Frauen, Monogamie, Bigamie, Polygynie, zentrierte
und sogar hyperzentrierte Leidenschaft, was bedeuten soll, daß ein
Mann eine Frau hat, die das „Hyperzentrum“ ist, um das er kreist, aber
er trifft auch andere, ganz harmonisch, und die Frau tut das Gleiche)?
Also ich finde Fourier genial. Glauben Sie, daß das realisierbar
ist?
Das paßt zu dem Film des niederländisch-peruanischen
Filmemachers Heddy Honigmann über die Sexualität der brasilianischen
Frauen, der vorhin gezeigt worden ist. Da gab es diesen alten Herrn, der
eine Fülle von Liebschaften gehabt hat, und dessen Gattin sehr versöhnlich
war... Habe Sie den Film hinter der Bühne gesehen?
MH: Ja, aber ich habe nichts verstanden.
Das war in Portugiesisch und Holländisch! Ich habe den Text nicht
so ganz mitgekriegt... (Lachen am Tisch).
MD: Das hat was von Fourier, finde ich.
Wir haben in diesem alten Herrn von 81 Jahren, der ein abwechslungsreiches
Liebesleben gehabt hat, ein Beispiel für die Ideen Fouriers.
MH: Fourier hat was geniales, ja. Er ist
wirklich ein guter Fall von einem verrückten Genie. Er hat in der
Tat Versuche unternommen, die Physik auf das menschliche Leben anzuwenden,
mit einer gewissen Kühnheit, aber ohne Beweise, ohne Grundlage.
MD: Er wollte, daß der Beweis durch
die Phalansterien erbracht wird, Gemeinschaftssiedlungen um zu überprüfen,
ob das in der Praxis funktionieren könnte.
MH: Ja, das ist ein gesunder experimenteller
Ansatz. Man könnte sagen, daß das bislang nicht funktioniert
hat, diese Versuche das Sexualleben der Menschen autoritär zu organisieren...
(Lachen am Tisch).
MD: Das ist gar nicht in die Tat umgesetzt
worden. Die Phalansterien waren eher industrielle und soziale Projekte.
Die Theorie der Liebe ist niemals umgesetzt worden.
MH: Doch, in einer Vereinigung gab es
vage Versuche...
Ein Zwischenrufer: In den 68ern hat man
viel Fourier gelesen.
MH: Es hat Versuche gegeben zu notieren,
was man tun müsse. Bumm, das hat nicht gerade Befriedigung verschafft.
Der selbe Zwischenrufer: Es ist nie zu
spät.
MH: Es ist nie zu spät. Vielleicht
sind das wirklich Ideen, die man wiederaufgreifen sollte. Ich selber bin
im Grunde ein recht gehorsamer Charakter: wenn man mir sagt, ich soll in
eine belgische Stadt fahren, dann fahre ich hin... (Lachen am Tisch). Es
stimmt, daß... ich weiß nicht mehr, wie die Frage lautete...
MD: Denken Sie, daß die Ideen Fouriers
von neuem in die Praxis umgesetzt werden könnten? Sie sind interessant
in Bezug auf die freie Liebe: das ist die freie Liebe vom Mai 68, aber
scheinbar ohne die negativen Konsequenzen...
MH: Aber nein, das ist ganz und gar keine
freie Liebe, das ist sehr organisiert. Das ist ein Riesenunterschied.
MD: Ja, aber abhängig vom Charakter
jedes Einzelnen. Wir hier am Tisch sind alle verschieden: es gibt welche,
die wären monogam, bigam, polygam: ich persönlich wäre eher
polygyn, ich wäre für ein Hyperzentrum, ich sage es ganz offen.
Andere würden sagen: „Nein, ich bin monogam, ich bin glücklich
so“. Man kommt in eine Kategorie, ich weiß nicht wie, und dementsprechend
entwickelt man sich auch von einer Lebensphase zur anderen, und man kann
die Kategorie auch wechseln. Man kann an den berühmten Liebesorgien
teilnehmen, wenn man will, oder auch nicht. Das ist nicht so totalitär
wie Sie sagen, oder?
MH: Letztlich ist es doch sehr strukturiert.
Der sexuelle Liberalismus dagegen ist dadurch gekennzeichnet, daß
man man macht, was man kann und wie man will. Es gibt keine festgelegten
Regeln.
MD: Ich würde gerne sagen, wenn ich
ganz direkt sein darf: Im System Fouriers würde man nur dann mit der
Frau oder dem Mann von jemand anderem ins Bett gehen, wenn der andere einverstanden
ist...
MH: Ja, ja.
MD: Das ist klar, das steht eindeutig
fest.
MH: Ja, da gibt es einen großen
Unterschied.
MD: Aber der ist enorm. Hinsichtlich Lüge,
Manipulation, Leid, Scheinheiligkeit...
Das will er vermeiden.
MH: Ja, das ist...
Eine junge Zwischenruferin: Ist das nicht
ein bißchen utopisch?
MD: Das wird immer gesagt. Aber ich denke,
man muß etwas anderes probieren. Da liegt der Unterschied, oder?
MH: Es ist schwierig, Fourier zu bewerten.
Zentren, Hyperzentren, das ist zweifellos ein bißchen verrückt.
Andererseits ist die Art der Organisation nicht schlecht. Schließlich
läuft es besser, wenn die Dinge organisiert sind...
MD: Er denkt auch viel an die Alten, die
noch Lust auf Liebe haben.
MH: Es ist sicher besser, wenn die Untreue
organisiert ist. Sonst führt das immer zu Problemen. (Lachen am Tisch).
In der Tat, es ist es wert, sich damit zu beschäftigen. Alles bei
Fourier ist es wert, sich damit zu beschäftigen.
MD: Auch auf wirtschaftlichem Gebiet,
meinen Sie?
MH: Ja, auch auf wirtschaftlichem Gebiet.
MD: Wissen Sie, daß Noël Mamère,
die Repräsentantin der Grünen in Frankreich, in einem neuesten
Buch, scheint es, gesagt hat, daß man auf industiellem und sozialem
Gebiet teilweise zu Fourier zurückkehren müsse?
MH: In meinem Artikel habe ich das nicht
gesagt. Der Artikel sollte nur darauf hinweisen, daß das interessant
ist. Aber auch Auguste Comte, der vollkommen entgegengesetzte Ansichten
hat, denn er ist für die absolute Monogamie.
MD: Und Sie selbst, Sie wären nicht
für die absolute Monogamie, wenn ich recht verstanden habe?
MH: Eigentlich nicht, aber die Grundidee
ist letztlich vor allem, daß all das organisiert werden kann, und
in dem Moment, wo man das sagt, ist man tatsächlich ein Ketzer. Die
normale Vorstellung ist, daß jeder macht, was er will. Jeder für
sich, im Prinzip. Es gibt also keine gesellschaftliche Organisation dieser
Dinge.
MD: Anstelle von Verboten und Unterdrückung,
wie sie dem eher konservativen oder enrsthaft katholischen Denken entsprechen
würden, und anstelle der totalen Freizügigkeit des Mai 68 bietet
Fourier eine Zwischenlösung: man soll alle Leidenschaften ausleben,
weil der Mensch, der seine Leidenschaften auslebt, glücklich ist,
aber man soll das auch organisieren, weil es kompliziert ist.
MH: Das ist keine totale Freizügigkeit,
Mai 68, das ist nur eine... (Zögern). Ja, im Grunde ist es vielleicht
eine totale Freizügigkeit, aber man kann sagen, daß die Freiheit
die Sexualität nicht besonders fördert, sie kann sie sogar reduzieren.
Aber letztlich ist es eine Vergrößerung der Freiheit. Und die
Freiheit kann viele verschiedene Konsequenzen haben, aber dazu gehört
nicht unbedingt der Genuß jedes Einzelnen. Im Gegenteil, im der Regel
hat die Freiheit eher eine Reduktion der Sexualität zur Folge.
MD: Sind Sie sicher?
MH: Aber ja, nach einer gewissen Zeit,
ja. Das ist typisch in allen Ländern, die aufhören religiös
zu sein. Ganz am Anfang gibt es eine lebhafte Zunahme der Sexualität:
später dann machen die Leute recht bald überhaupt nichts mehr.
MD: Haben Sie ein Land als Beispiel?
MH: Aber ja, Irland ist typisch.
MD: Dort leben Sie zur Zeit.
MH: Dieses Land ist viel religiöser
und viel später „befreit“ als Frankreich. Also gibt es eine starke
Zunahme der Sexualität, und danach fliegen sie dann auf die Schnauze
(sic).
Ein Zwischenrufer: Das ist das, was man
auch in Belgien beobachten konnte. Das ist ein sehr katholisches Land,
das in den sechziger Jahren brutal dekatholisiert wurde.
MH: Ja, Frankreich ist in Wirklichkeit
schon lange dekatholisiert.
MD: Können wir zu den Fragen übergehen,
die sich auf das Religiöse und das Sakrale beziehen, denn ich sehe,
daß die Lichter gelöscht werden...
MH: Ja, wenn die Lichter gelöscht
werden, ist der Moment, zum Sakralen überzugehen! (Lachen am Tisch).
MD: Wir zünden Kerzen an!
II. Über das Religiöse und das
Sakrale
1. Frage:
MD: In Elementarteilchen erwähnen
Sie das Werk des BiologenJulian Huxley, des Bruders von Aldous Huxley,
der seinerseits der Autor ist von Schöne neue Welt sowie des Romans
Eiland, den sie sehr schätzen...
MH: Keineswegs, ich habe gesagt, das sei
sehr schlecht.
MD: Ja, pardon, Sie haben geschrieben,
das sei ein mittelmäßiger Roman...
MH: Ah ja... (Lachen am Tisch).
MD: Moment, aber... ein kleines
bißchen mögen Sie Eiland, oder überhaupt nicht?
MH: Aber nein, das ist sehr schlecht.
MD: Sie mögen das Konzept des Ideenromans,
oder?
MH: In Eiland wird es völlig verpatzt.
MD: Und er hat den Anstieg des Individualismus
nicht begriffen, sagen Sie.
MH: In der Tat.
MD: In Elementarteilchen also zitieren
Sie Julian Huxleys Aufsatz Was ich zu denken wage. Er meint, sagen Sie,
daß keine Gesellschaft ohne Religion bestehen kann. Das ist die Frage,
die in Rußland und in Israel am häufigsten auftauchte, als Sie
dort Ihr Buch vorgestellt haben, haben Sie unserer Vorsitzenden Michelle
Levy im Bulletin Nr. 2 erklärt.
MH: Das ist richtig.
MD: Auf mehr als hundert Seiten versucht
J. Huxley die Grundlagen einer mit der Wissenschaft vereinbaren Religion
zu entwerfen. Das Ergebnis erscheint Ihrem Helden Michel Djerzinski nicht
überzeugend. Ich war da sehr enttäuscht, weil Sie absolut nichts
von den Ideen Huxleys gesagt haben. Könnten Sie in wenigen Worten
sagen, welches die wesentlichen Vorschläge des Biologen zur Vereinigung
von Wissenschaft und Religion sind? Oder ist das zu kompliziert?
MH: Es ist vor allem gescheitert. Grob
gesagt ist es eine Art Idee von Humanität, ein wenig wie im Positivismus.
Schon der Poitivismus hat nicht funktioniert. Die Humanität als Ziel,
verbunden mit einer vage utilitaristischen Moral. Aber letztlich ist es
vor allem so, daß er dafür hundert Seiten opfert und doch findet
er nicht wirklich...
MD: Und der religiöse, sakrale Aspekt?
Welche Neuheiten bringt er? Ersetzt er das Christentum durch etwas anderes?
Oder verbindet er Christentum und Wissenschaft?
MH: Eigentlich ist er sich des Problems
bewußt, versucht es zu lösen, beschäftigt sich damit über
hundert Seiten und schafft es nicht. Also ist es enttäuschend. Er
wandert von einer Idee zur anderen, es fehlt die Substanz. Man kann spüren,
daß das nie irgendjemanden überzeugt hat.
MD: Ja, aber bezieht er sich noch auf
die Evangelien, die Seligpreisungen, Jesus, das Christentum, oder vergißt
er all das und schlägt etwas anderes vor?
MH: Er versucht etwas anderes vorzuschlagen.
MD: Ja, aber welche Art von Religiosität,
von Sakralität? Die Idee der Humanität ist nicht wirklich religiös.
MH: Doch, doch.
Ein Zwischenrufer: Ein wenig wie bei Auguste
Comte...
MH: Ein wenig wie bei Comte, ja, nur daß
es unvollständiger ist. Ein vager religiöser Humanismus. Aber
das sind enttäuschende Seiten, denn man spürt, daß er selber
nicht mehr an seine eigenen Ideen glaubt, bevor er zum Ende kommt.
MD: Sie haben gesagt, daß Sie selber
die Antwort nicht haben.
MH: Nein, ich habe sie auch nicht.
MD: Aber ist das ein Problem, das Sie
vorhaben in der Zukunft zu vertiefen, vielleicht in einem kommenden Buch?
Kann eine Gesellschaft auf Religion verzichten oder nicht?
MH: Nein, denn ich habe keine Ideen mehr.
(Lachen am Tisch).
MD: Sie haben ja wirklich schon viel gegeben.
MH: Das ist ein zu schwieriges Problem
für mich. Ein echtes Problem, aber ich weiß nichts darüber.
MD: Danke für Ihre offene Antwort.
Haben Sie eigentlich Kontrapunkt von Aldous Huxley gelesen und gemocht,
ein Buch, das ich persönlich begeisternd finde? Er schildert darin
vor allem die Ideen seines Freundes David Herbert Lawrence, des Autoren
von Lady Chatterleys Liebhaber, der eine Art sakraler Erotik vertritt.
Um auf Fourier zurückzukommen, von dem wir vorhin gesprochen haben,
er spricht von einem „guten Phallismus“: die Sünde des Fleisches vergessen
und aus der Erotik etwas religiöses machen.
MH: Ich habe Kontrapunkt nicht gelesen.
Aber ich werde an diese Idee denken... (Lachen am Tisch).
MD: Gut, die Mitglieder unseres Vereins
würden sich freuen! (Erneutes Lachen am Tisch).
2. Frage:
MD: In Bezug auf Lovecraft schreiben Sie,
daß das einzige Ziel seiner Schriften darin besteht, den Leser in
einen Zustand der Faszination zu versetzen: die einzigen menschlichen Gefühle,
von denen er etwas wissen will, sind Staunen und Angst. Das hat mich an
die Definition des Heiligen denken lassen: „tremendum et fascinans“ (auf
lateinisch), das heißt das Erschreckende und das Anziehende, Anziehung
und Abstoßung. Haben Sie beim Schreiben Ihres -übrigens sehr
interessanten- Essays daran gedacht?
Staunen und Angst, das ist typisch für
die alte Vorstellung vom Heiligen: man ist gleichzeitig von Gott angezogen
und durch die Göttlichkeit in Schrecken versetzt.
MH: (Zögern). Die Angst, ja, das
kommt dem sehr nahe. Das Staunen dagegen hat bei Lovecraft nicht diesen
Sinn.
MD: Ja, in Ihrem Buch habe ich mehr die
Angst gespürt als das Staunen.
MH: Das Staunen ist bei ihm ganz eigenartig.
Das ist ganz und gar nicht wie die Anziehung durch das Göttliche.
Er ist erstaunt über Dinge, in denen es keinerlei Möglichkeit
von Glück gibt.
MD: Zum Beispiel?
MH: Die Architektur, eindeutig. Die abstrakte
Seite der Architektur. Das ist wichtig, denn das ist der Grund, warum Lovecraft
kein Horrorschriftsteller ist. Bei ihm gibt es ein ästhetisches Gefühl.
Zum Beispiel während eines außerordentlich heftigen Gewitters,
kann in der Angst trotz allem ein Gefühl des Staunens aufsteigen...
MD: Mögen Sie Gewitter?
MH: Ja. Und dieses Gefühl ist bei
ihm überhaupt nicht mit der Tatsache verknüpft, daß man
irgendetwas erhofft. Eine Art Gefühl des Erhabenen. Das gibt es bei
Lovecraft und das ist in der Literatur im Allgemeinen sehr selten, das
Gefühl des Staunens angesichts von etwas, das einem Angst macht. Das
unterscheidet sich insofern von der Beziehung zu Gott, als es eine ästhetische
Distanzierung während des Empfindens darstellt, die für die Literatur
grundlegend bleibt.
MD: Die Nachfoger Lovecrafts dagegen,
sagen Sie, wollten erotische Episoden einführen, aber das hat wirklich
nichts gebracht.
MH: In der Tat.
MD: Aber wenn es etwas wäre wie die
Incubi und Succubi J. K. Huysmans (1844-1907) in Ganz unten, also quasi
dämonische Wesen, ginge das nicht mit dem Schrecken zusammen? Mochten
Sie Ganz unten? Madame Chantelouve?...
MH: Ja, in einem gewissen Maß, aber...
MD: Das ist wirklich sehr stark...
MH: Ja, aber weniger... (Lachen am Tisch).
Weniger als Lovecraft. Aber das ist interessant, die Verbindung zwischen
Sexualität und Schrecken. Aber dennoch ist die Sexualität insgesamt
gut. Ich meine, daß der Schrecken Lovecrafts, der ein reiner Schrecken
ist, wirklich frei von allen sexuellen Elementen, stärker ist, erschreckender.
Er hat eine sehr klare Vorstellung: Er sagt, daß die stärkste
und älteste Emotion beim Menschen die Angst ist. Also seine Helden
sind in Gefahr verschlungen zu werden, aber ohne jede sexuelle Konnotation.
Das erinnert tatsächlich an die Situation des primitiven Menschen.
So gesehen ist er sehr einfach. Und die Sexualität ist eher ein positives
Element, das ihn aber eigentlich nicht interessiert. Das was ihn interessiert,
ist die Angst.
III. Verschiedenes
1. Frage: Drogen
MD: Manche Ihrer Leser haben sich gefragt,
warum Sie in Ihren Büchern das Drogenproblem kaum erwähnen, obwohl
das doch ein Problem der Gegenwart ist. Und manche haben gesagt: „ Der
von Ihnen geschätzte Aldous Huxley zum Beispiel hat doch in Pforten
der Wahrnehmung davon gesprochen.“
MH: Also das ist wirklich seltsam, denn
ich spreche ständig nur schlecht von Aldous Huxley. Es stimmt, daß
ich ihn schätze, aber... (Lachen am Tisch).
MD: Man hat Sie also mißverstanden?
MH: Also es gibt da ein ganz dickes Lob,
aber viele Fehler.
MD: Wofür gebührt ihm das stärkste
Lob?
MH: Für die geniale Intuition, daß
die Entwicklung der Biologie die Entwicklung der menschlichen Gesellschaften
prägen würde. Ansonsten ist das ein schlechter Schriftsteller.
Aber es ist schon nicht schlecht, das entdeckt zu haben, das genügt,
um seinen Ruhm zu rechtfertigen, nicht wahr...
MD: Und wie steht es mit den Drogen? Sie
sprechen kaum davon, glaube ich?
MH: Warum ich kaum davon spreche? Weil
ich nicht viel darüber weiß. Ich habe keine Erfahrungen mit
LSD oder Mescalin, die ich verarbeiten könnte. Ja doch, ich könnte
über Heroin was machen, aber das haben andere schon gemacht. Im Vergleich
zu Aldous Huxley habe ich eigentlich keine Meinung dazu. Während er
dem einen großen Wert beimaß, der Erfahrung der Öffnung
der Pforten des Bewußtseins. Also ich, ich weiß nicht, ich
glaube das eigentlich nicht. Jedenfalls nach meinem Kenntnisstand nicht,
ich habe keinen Fall gesehen, weder bei mir noch bei den Anderen.
MD: Bei Huxley ist das fast ein Weisheitspfad?
MH: Aber ja, ganz klar. Ein Pfad der Transformation,
der visionären Erkenntnis der Welt, schließlich der Weisheit.
Er hat nicht lange davon gesprochen, das hat ein knappes Jahr gedauert,
vielleicht hätte er seine Meinung geändert. Ich möchte diese
Betrachtungsweise nicht im autoritären Stil entwerten, aber nichts
erlaubt mir, sie zu bestätigen...
MD: Einverstanden.
2. Frage: Asienreise
MD: Ich habe erfahren, daß Sie bald
nach Asien reisen werden, um Ihr Buch in Japan und anderswo vorzustellen.
Geschieht dies unter günstigen Umständen? Freuen Sie sich, dorthin
zu fahren.
MH: (Zögern). Ja, schon. Das ist
doch das exotischste, was es auf der Welt gibt. Zumindest von dem was ich
davon kenne, meine ich.... Zum Beispiel Südamerika hat im großen
und ganzen eine amerikanische Kultur. Asien, seltsamerweise, nicht so sehr.
Das ist zweifellos –abgesehen von den arabischen Ländern- der Teil
der Welt, wo die amerikanische Kultur am wenigsten präsent ist.
MD: Wissen Sie, ob Sie schon Erfolg haben?
In Vietnam? In Korea?
MH: Keine Ahnung.
MD: Werden Sie dieser Tage nicht vielleicht
die Verkaufszahlen erfahren?
MH: Die dürften nicht besonders sein,
dort gibt es nicht so viele Menschen, die lesen...
MD: In Japan auch nicht?
MH: Doch, doch, aber Japan ist ein Sonderfall.
Korea auch, wohlgemerkt.
MD: Gut, ich bedanke mich für Ihre
Liebenswürdigkeit.
MH: Aber ich habe immer noch nicht auf
die 2. Frage des ersten Themas geantwortet...
MD: Die nach Ihren Empfehlungen für
die Jugend? Ach, aber ja, das ist schließlich die entscheidende Frage!
(Lachen am Tisch). Wir haben noch keine Antwort.
MH: Das war eine harte Nuß. (Erneutes
Lachen).
MD: Das habe ich erwartet!
MH: Ich weiß nicht... (Zögern).
Ich würde doch sagen, daß es, in Anbetracht der Situation, besser
ist wahllos herumzubumsen. (Lachen am Tisch).
MD: Kann ich das in meinen Bericht schreiben?
MH: Ja. (Lachen).
MD: Man wird sagen, daß Sie sich
widersprechen, oder?
MH: Nein, nein. Nein, nein. Aber das ist
doch sehr kompliziert zu erklären.
MD: Passen Sie auf. Wenn ich das schreibe,
wird es Reaktionen geben...
MH: Das erscheint mir vernünftiger..
MD: Was? Das, was Sie gesagt haben?
MH: Ja. Trotz allem.
MD: Aber, also, ich verstehe nicht recht...
MH: Das ist etwas kompliziert.
MD: Haben Sie Ihre Meinung geändert?
MH: Ich habe meine Meinung nicht geändert,
aber...also, vielleicht sollte ich das nochmal erklären, auf eine
Weise, die mehr... (Zögern). Es ist besser, den Preis der Sexualität
allgemein zu senken. Den Preis, das heißt die Schwierigkeit, in Anbetracht
der globalen Situation.
Ein Zwischenrufer: Ich stimme Ihnen zu.
So wie die Dinge stehen...
MH: Man sollte nicht versuchen, die Latte
höher zu legen, sondern vielmehr die Preise zu senken.
Der selbe Zwischenrufer: Ja, ich stimme
zu.
MH: Das komische ist, daß die Sexualität
ein Sonderfall ist, wo das Sinken der Preise nicht zu einem Absinken der
Qualität führt. (Heftige Lacher am Tisch). Das widerspricht den
etablierten ökonomischen Gesetzmäßigkeiten.
MD: Das ist herrlich! Also, nochmals danke,
Michel, für die Bereitschaft zu diesem Interview.
Meinungen, Fragen, Kritiken, Anmerkungen
zu Michel Houellebecq und seinen Werken: hier ist der richtige Platz dafür.
„Theoretische Reflektionen erscheinen mir
als Romanmaterial genauso geeignet wie anderes, und besser als vieles andere.
Genauso ist es mit Diskussionen, Unterhaltungen, Debatten ... und natürlich
erst recht mit der literarischen, künstlerischen oder musikalischen
Kritik. Im Grunde sollte sich alles in ein einziges Buch transformieren
lassen, an dem man bis an die Grenze des Todes schreiben würde; das
erscheint mir als eine vernünftige, glückliche und vielleicht
sogar praktikable Lebensweise.“
Michel Houellebecq
Centre culturel français (antenne allemande de AMH)
Directeur Robert Walter
Karlruhe
www.ccf-ka.de
info@ccf-ka.de